Törnbericht Nr 2 : Breskens bis Plymouth. Juli 2016

Hier ist nun endlich unser vollständiger, (ziemlich ausführlich geratener) Törnbericht Nummer zwei vom 15. Juli 2016 bis zum 31. Juli 2016.

Die Reise ging von Breskens über Belgien und Frankreich nach England, wo die Chimichanga in Plymouth ins Winterlager ging.

Breskens – Oostende – Dunkerque – Dover – Eastbourne – Brighton – Seaview – Cowes – Portland – Dartmouth – Salcombe – Plymouth

Nach einer Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Stuttgart nach Breskens, die überraschend gut und einfach verlief, bezogen wir unsere Kojen auf der Chimichanga am Abend des 15.07.2016. Die Crew bestand außer Angelika und mir dieses Mal noch aus Steffi und Matthi, Freunden aus Stuttgart, die bereits mit uns im Thyrrenischen Meer gesegelt sind und somit schon Erfahrung hatten und uns in unserem „Abenteuer“ der  Kanalüberquerung sehr gut unterstützen würden.

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‚cause we got nothing else to do, the Chimichanga Crew…

Nach einem guten Abendessen in einer der vielen Kneipen in Breskens nutzten wir den Abend noch mit der obligatorischen Sicherheitseinweisung, die automatischen Rettungswesten und Lifebelts wurden anprobiert und angepasst und die Notrollen wurden besprochen. Da es aufgrund des recht späten Hochwassers am Samstag nicht allzu früh losgehen konnte, wurde die Verproviantierung im nahe gelegenen Supermarkt auf den nächsten Vormittag verschoben.

1. Tag:  Breskens nach Oostende 

Am 16. Juli ging es also endlich wieder auf See. In Breskens wurde nach einem ausgiebigen Frühstück noch einmal an der Seetankstelle vollgetankt, dann ging es  mit der Tide und dem Strom hinaus aus der Westerschelde in Richtung Belgien. Der Wetterbericht sagte West-Südwest Bft 4 voraus. Daraus wurden im Verlauf gute Bft 5, in Böen etwas mehr – und wir mussten unsere ersten Erfahrungen mit der Konstellation „Wind gegen Strom“ machen. Und das am ersten Segeltag! Unser Kurs führte uns hart am Wind gegen kurze, steile Wellen entlang der Küste nach Westen. Wir passierten die Einflugschneise für die Dickschiffe nach Zeebrugge in sicherem Abstand und setzten dann den Kurs zwischen den diversen Bänken auf Oostende ab.

Eigentlich mit ca. 30 sm keine allzu lange Distanz, aber die für den Anfang doch rauhen Bedingungen stellten die Belastbarkeit der Mägen von Teilen der Crew schon etwas auf die Probe. So waren wir dann ziemlich froh als wir bereits am frühen Nachmittag in Oostende einliefen. Sobald wir im Päckchen beim „Royal North Sea Yacht Club“ festgemacht hatten kam auch noch die Sonne heraus und gab uns Gelegenheit zu einem erfrischenden Bad in der Nordsee. Schlagartig war für alle Teile der Crew die Welt wieder in Ordnung.

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Oostende beim „Royal North Sea Yacht Club“

2. Tag: Oostende nach Dunkerque

Heute segelten wir bei deutlich angenehmeren Bedingungen, wieder mit dem Strom, nach Dunkerque. Da das Mittagshochwasser von Tag zu Tag immer später kam, liefen wir erst um ca 21:00 in Dunkerque ein.  Sowohl die Marina Port Du Grand Large als auch der Yacht Club de la Mer du Nord waren schon gut gefüllt also ging es erneut ins Päckchen. Wir haben übrigens bislang ausschließlich gute Erfahrungen und nette Bekanntschaften beim Liegen im Päckchen gemacht. Einzige Ausnahme war eine deutsche Yacht, die bereits mit Bootshaken bewaffnet jegliche Annäherung mit den Worten „wir machen morgen um 4:00 Uhr früh los“ abwehrte. Lustigerweise lag besagte Yacht noch am Schwimmsteg als wir am Morgen gegen 9:00 Uhr nach einem Stadtbummel in Dunkerque mit frischem Baguette zur Chimichanga zurückgekehrten. Ohne Worte.

Wir ließen den Abend ausklingen und feierten bei etwas Sekt und Wein in den Geburtstag von Angelika rein, die als Geburtstagsgeschenk unter anderem eine Überquerung des Englischen Kanals bei bestem Wetter bekommen sollte.

3. Tag: Dunkerque nach Dover – Angelikas Geburtstag, Chimichanga bekommt ihr Logo und wird getauft!

Nun war es aber soweit: Da unser Start zur Überquerung des Ärmelkanals aufgrund der Tiden noch etwas Zeit hatte konnten wir nun in aller Ruhe das Logo von Chimichanga anbringen und vor unserem wichtigen Schlag die längst überfällige Taufe vornehmen. Das Logo, welches den Namensgeber – ein gutmütiges und liebenswertes Comicmonster aus dem gleichnamigen Comic von Eric Powell- darstellt, wurde von Steffi im Vorfeld schön und sorgfältig designt und auf Folie ausgedruckt. Nun lag es an Matthi und mir, die Folie vernünftig anzubringen, was uns auch ziemlich gut gelang…

Nach einer ergreifenden Rede vom Geburtstagskind Angelika- und der obligatorischen Sekttaufe- wurde noch der alte Name (Carpe Diem) in die Bilge geritzt und später bei der Hafenausfahrt nach alter Väter Sitte ein Kreis über Steuerbord gefahren. Ein Schluck für Rasmus, dann konnte nichts mehr schiefgehen. Die Überfahrt nach England konnte beginnen.

Bei strahlendem Sonnenschein und bester Laune setzte die Chimichanga-Crew die Segel. Wir ließen die Küste von Frankreich – die bei Dunkerque eher Mordor oder einer Kulisse aus Mad Max 3 gleicht – hinter uns und freuten uns auf die Überfahrt. Immerhin hatten wir uns schon seit Monaten moralisch wie navigatorisch darauf gefreut und vorbereitet!

Mit dem Strom ging es zunächst zügig zum Rand des Verkehrstrennungsgebietes, welches die Straße von Dover durchzieht. Gemäß den KVR querten wir dieses mit der Kielrichtung im rechten Winkel zur Fahrtrichtung und ließen uns vom Strom etwas westwärts versetzen. Der Wind flaute weiter ab, so dass zum queren des VTG`s der Jockel zum Einsatz kam. Bei völliger Windstille passierten wir die Tonne „Mpc“, die sich genau in der Mitte des Englischen Kanals befindet. Auf ein Zeichen Matthis stellte ich den Motor ab- und dann geschah es.

Antrag auf See!

Steffi ahnte bis zu diesem Zeitpunkt nichts von Matthis Vorhaben und schaute etwas verdutzt, als Matthi nach einem staatsmännischem Räuspern zu einer herzallerliebsten Rede ansetzte, die sein Glück über die letzten Jahre mit Steffi beschrieb. Als er dann auf die Knie fiel und den lange im Geheimen mitgeführten Ring zückte, fiel der Groschen. Ohne zu zögern und mit strahlender Freude nahm Steffi den Antrag an! Beim Jawort blieb kein Auge auf der Chimichanga trocken. Nicht nur Matthi, auch dem Skipper fiel ein Stein vom Herzen. (Nicht auszudenken was ein „Vielleicht“ für die gesamte Crew auf See bedeutet hätte…) Wir beglückwünschten das neuverlobte Paar gebührend, Rasmus hatte ein Einsehen und schickte uns zum Sonnenschein eine Brise, so dass wir sogar unter Segeln Kurs durchs VTG und dann auf Dover absetzen konnten. Eine Leichtigkeit machte sich breit und wir segelten voller Freude durch die Nachmittagssonne.

Nach gebührender Anmeldung bei der Dover Harbour Control über Funk durften wir den Western Entrance in den Outer Harbour – dann weiter zum Inner Harbour passieren. Dann wies uns der Hafenmeister via Funk an, am Wartesteiger vor den Granville Docks zu warten bis die Tore sich bei ausreichendem Wasserstand öffnen würden. Dies gab uns Gelegenheit, bei einem Anlegeschluck in der Abendsonne zu relaxen und auf den Heiratsantrag sowie die Kanalüberquerung gebührend anzustoßen.

Der überaus nette Hafenmeister in Dover empfahl uns noch sein favourite Fish and Chips Restaurant, wo wir dann am Abend bei Ale und lokalen Spezialitäten feiern konnten:

Was für ein Segeltag! Morgens Schiffstaufe in Dunkerque, die Kanalüberquerung bei bestem Wetter das man sich vorstellen kann, ein Heiratsantrag zweier unserer besten Freunde, Angelikas Geburtstag  – Herz was begehrst Du mehr!

4. Tag: Dover nach Eastbourne. Die erste Nachtansteuerung!

Der heutige Schlag führte uns von Dover nach Eastbourne. Eigentlich wäre nach dem gestrigen Tag (und Abend) heute ein Landtag angesagt, aber das Wetter würde heute mehr Wind bringen und uns morgen voraussichtlich mit angesagten Bft 6  zu einem weiteren Pausentag zwingen, so dass wir heute am Mittag mit ablaufendem Wasser und mit dem Strom Dover verliessen. Wir machten gute Fahrt und als der Strom kenterte kamen wir dank des gesetzten Blisters dennoch ganz gut voran.

Es wurde nun der erste „Nachtschlag“. Nach Sonnenuntergang spähten wir nach den Positions- und Fahrtlichtern anderer Schiffe. Ein wunderbarer Vollmond erleuchtete die See und es machte unglaublich Spaß.

Gegen 00:30 erreichten wir die rot-weisse Fahrwassertonne „Sh“ vor Eastbourne die uns die Einfahrt ins Fahrwasser nach Eastbourne wies. Die Einfahrt – die im Channel Pilot bei Dunkelheit als eher anspruchsvoll betitelt wird- ist gut betonnt und wenn man sich an die vielen blinkenden  Tonnen in rot und grün gewöhnt hat, auch machbar. Sie führt in einem Bogen durchs trockenfallende äußere Hafenbecken zur Schleuse des Inner Harbour- dem Sovereign Harbour. Also alle an Deck und ausgiebig Ausschau gehalten und Tonnen gezählt. Macht doch Spaß so eine Nachtansteuerung. Der Hafenmeister und Schleusenwärter, dem unser grinsender Chimichanga am Bug doch sichtlich Freude bereitete,  war trotz der späten Stunde extrem freundlich und Hilfsbereit! Er wies uns lachend einen super Platz zu, an dem wir nun doch etwas müde festmachten. Morgen erstmal ausschlafen und wir freuten uns schon auf unserer ersten Landtag den wir gebührend mit einem Full English Breakfast beginnen wollten. Auch hierzu erhielten wir einen exzellenten Tip beim Hafenmeister.

Bevor wir in die Kojen fielen, saßen wir noch etwas an Deck und liessen den Tag Revue passieren. Eine Nachtansteuerung im Gezeitenrevier bei ordentlichem Wind mit Schleusen. Noch wenige Jahren zuvor hätte die Aussicht auf so einen Schlag Angelika und mich in schiere Panik versetzt, jetzt machten wir’s halt.

Irgendwie reift man dann doch mit seinen Aufgaben und mit der Erfahrung. Vielleicht werden wir doch noch irgendwann gute Segler – denken wir!

5.Tag: Von Eastbourne nach Brighton – und die Wichtigkeit der Notices to Mariners

Nach einem Erholungstag in Eastbourne, der mit ordentlich Starkwind aus West ohnehin keinen entspannten Segeltag zugelassen hätte, ging es also heute weiter nach Brighton. Kein sehr langer Schlag, den konnten wir bequem innerhalb einer Tide absolvieren. In Brighton kamen wir dann ziemlich genau bei Niedrigwasser an. Ein Blick ins Hafenhandbuch, das sollte mit unserem Tiefgang gerade so gutgehen. Wir waren auch eine Stunde nach NW da, es ist Mittzeit- das sollte für die nötige Handbreit sorgen. Mit einem Auge auf die Tiefenanzeige hielten wir uns extrem an der Backbordseite des Fahrwassers, sollte es hier nach unserem Revierführer doch noch etwas tiefer sein.

Puh, also viel mehr als die Handbreit war hier nicht unterm Kiel! Gut dass wir uns nicht mittig gehalten haben. Im Hafenbecken angekommen der Funk zum Hafenmeister, welcher meinte, wir sollten noch zwei Stunden vor dem Hafen kreuzen. Mit unserem Tiefgang kämen wir nun auf keinen Fall durch die Hafeneinfahrt. Nachdem wir ihm klarmachten, dass wir uns bereits längsseits am Meldesteiger befanden (look out your window: we’re the germans!), wies er uns einen Platz im Päckchen an und beglückwünschte uns zu unserem Hubkiel. Den hat Chimichanga nun wirklich nicht…

Im Office hing ein Auszug der Notices to Mariners in dem vor verminderter Wassertiefe in Brighton gewarnt wird. 1,5 m bei NW Spring. Obwohl wir unsere Seekarten eigentlich gewissenhaft aktualisiert hatten, ist uns das wohl entgangen. Man lernt nie aus.

6. Tag: Brighton nach Seaview – Isle of Wight – Solent

Bei strahlendem Sonnenschein und bester Laune legten wir – gezeitenbedingt – am Vormittag in Brighton ab und setzten die Segel mit Kurs weiter nach Westen. Aufgrund der unveränderten Westlage wieder gegenan, woran mittlerweile aber alle gewohnt waren. Unser heutiger Liegeplatz sollte für diesen Urlaub etwas besonderes sein: an einer Mooring-Boje des Seaview Yacht Clubs machten wir bereits am späten Nachmittag fest. Um hier willkommen zu sein muss man Mitglied eines „Recognised Yacht Clubs“ sein – deshalb habe ich mir im Vorfeld von Jürgen Hoppe einen Mitgliederausweis unseres USCU ausstellen lassen, mit dem ich mich dort ins Gästebuch eintragen konnte. USCU macht’s möglich.

Hier lagen wir dann wunderbar in der Nachmittagssonne an einer einsamen Boje, konnten vom Boot ins Wasser springen und den Blick auf die See und das No Man’s Land Fort genießen – eine der Befestigungsanlagen, die den Solent vor dem Eindringen feindlicher Schiffe schützten. Das Watertaxi (über Funk gerufen und im Preis inbegriffen) brachte uns in rasanter Fahrt an Land, wo wir durch Seaview schlendern konnten. Hier gab es am nächsten Morgen ein wunderbares Frühstück bei strahlendem Sonnenschein.

7. Tag: Seaview nach Cowes –  im Seefahrermekka

Nach dem Ausschlafen und einem erfrischenden Bad im Meer konnten wir nochmal gemütlich durch das schöne, sonnige Inselstädtchen Seaview bummeln und ein ausgiebiges englisches Frühstück geniessen. Dann hießes Leinen los und bei bestem Wind fegten wir mit starkem Strom durch den berühmten Solent. Hier spielt sich das Seglerleben der englischen Südküste ab. Es kreuzen Yachten, Seelenverkäufer und Fischer neben den großen Kreuzfahrtschiffen und Containerschiffen aus aller Welt. Wir konnten unterwegs der Queen Mary 2 bei der Ausfahrt winken und mussten einem chinesischen Ozeanriesen voller Containern ausweichen. Beide hatten Southampton zum Ziel gehabt.

In Portsmouth war an diesem Wochenende auch der Americas Cup zu Gast, deren Regatten von zigtausenden Menschen zu Wasser und von Land aus beobachtet wurden. Schon sympathisch, wie segelverrückt diese Region ist. Auch ich freue mich, als ich Sir Ben Ainslie aus der Ferne auf seinem BAR Kat ausmachen kann.

Dann aber weiter bei 5 -6 Bft am Wind in Richtung Cowes. Der Strom schob teilweise mit 3 kn mit. In der Mündung des River Medina lagen backbord und steuerbord die vielen Marinas und Anlegestellen von Cowes. Wir ergatterten einen schönen Platz im Cowes Yacht Haven und freuten uns auf den morgigen Landtag. Immerhin war Samstag und so wollten wir am Abend etwas feiern und morgens darauf ausschlafen sowie dem Marinemuseum in Portsmouth einen Besuch abstatten.

Da Samstag war und der Americas Cup sich im Lande befand, war auch in ganz Cowes einiges los. Wir entschieden uns zu einem traditionellen englischen Abendessen (Fish & Chips) im Anchor Inn. Maritime Pub Atmosphäre pur. Später spielte eine Band und das Publikum war bester Laune. Auch eine zünftige Kneipenschlägerei durfte im Pub später nicht fehlen (…did you hit him?). Selbstverständlich ohne unserer Beteiligung.

Am nächsten Tag machten wir einen kleinen Ausflug mit dem Bus nach Ryde, von wo aus die Fähren und Luftkissenboote ständig zwischen Portsmouth und der Isle of Wight pendeln. Hierzu mussten wir den River Medina überqueren. Dies geschieht mit einer nicht frei fahrenden Fähre (Kette). Endlich sahen wir mal eine in Aktion und nicht nur bei den Theoriefragen unserer diversen Scheine!

An den Historic Dockyards in Portsmouth konnten wir dann die Geschichte einer großen Seefahrernation hautnah erleben. Schiffe, U-Boote etc. aus allen Epochen sind ausgestellt und können begangen werden. Das Museum ist riesig und kann in seiner Gesamtheit an einem einzigen Tag nicht annähernd besichtigt werden. Allein die HMS Victory (das Flaggschiff Lord Nelsons) ist ein Erlebnis für sich. Gut dass das Ticket ein Jahr gültig ist.

Nach einem sehr guten Abendessen im Red Duster mussten wir die Füße hochlegen, da wir heute im Museum gefühlte 1000 km gelaufen waren. Morgen sollte es in aller Herrgottsfrühe (Tide und Strom!) losgehen. Es lag ein längerer Schlag vor uns und den Strom im West-Solent muss man günstig haben, sonst ist ein Passieren des „Needles Channel“ praktisch unmöglich.

Das Fazit des Zwischenstops auf der Isle of Wight: Der Solent hat seglerisch unglaublich viel zu bieten, man kann Inselathmosphäre tanken und die enorm spannende Geschichte einer historischen Seemacht live erleben. Eine herrliche Region!

8. Tag:  Cowes nach Portland – Abschied vom Solent

Im Morgengrauen klingelte der Wecker und wir liefen noch bei Dunkelheit aus dem Cowes Yachthafen aus. Entschädigt wurden wir durch einen atemberaubenden Sonnenaufgang bei den Needles, einer Gruppe von Kreidefelsen, die die Westspitze der Isle of Wight markieren. Bei halbem Wind mit 5 Bft und mitlaufendem Strom kletterte die Logge auf  10 kn (über Grund). Obwohl Chimichanga beileibe kein Racer ist – eine wahre Freude. Die hohen Wellen machten fast allen Spaß!

Am späten Nachmittag erreichten wir Portland – eine große Marina mit angeschlossenem Militärhafen- in einem großen geschützen Hafenbereich. Wir liefen entsprechend der Empfehlung im Channel Guide über den North Ship Channel ein und bekamen nach üblicher Anmeldung via Funk einen Platz am Visitors Ponton zugewiesen. Portland ist ein weitläufiger, zweckmässiger Hafen der einfach anzulaufen ist und im geschützten äusseren Hafen viel Platz zum Manövrieren lässt. Vom Genuss des (kalten) Meeresfrüchte-Pots im Hafenrestaurant ist aus unserer Sicht aber absolut abzuraten !

9. Tag: Portland nach Dartmouth – „go back to Portland“ und Nachtansteuerung die Zweite

Der heutige Zeitplan wurde durch eine gebrochene Befestigung unseres Lautsprechers auf der Backbordsaling verzögert, was wir kurz nach Hafenausfahrt beim Setzen des Groß bemerkten. Also ging es nach dem gleichnamigen Nerf Herder Song „back to Portland“, wo Angelika im Bootsmannstuhl in den Mast musste, um den Lautsprecher abzumontieren und somit einen Absturz des schweren Gerätes zu verhindern. So ging es also mit einiger Verspätung los, und um zu verhindern, in den „Race of Portland“ am Portland Bill zu geraten, mussten wir nun einen großen Umweg einschlagen, um diese extremen, stromabhängigen Turbulenzen weitläufig zu umschiffen. Was wiederum unseren Zeitplan mächtig durcheinanderbrachte. Der heutige Schlag war unter keinen Umständen mehr innerhalb der angestrebten Tiden zu machen. So bescherte uns die Reparatur den anstrengendsten Schlag des diesjährigen Törns.

Westwind, wie immer. Die ersten Stunden ging es noch mit dem Strom aber bei zunächst W 4-5 Bft gegenan. Dann ab den späten Abendstunden wurde es fast völlig Windstill und ca. 6 Stunden Fahrt gegen den Strom forderten ihren entnervenden Tribut. So gut wie keine Strecke über Grund, bei kaltem Nieselregen und Aufkreuzen im Amwindkurs. Zum ersten Mal traf uns das „englische Wetter“ so richtig und wir waren wirklich froh über unser Ölzeug. Nachts ging es bei völliger Finsternis und ständigem Nieselregen für den jeweiligen Wachführer darum, nicht einzuschlafen. Vor der englischen Küste sind nachts doch einige Berufsschiffer unterwegs, weswegen ständige Wahrschau nötig war. Wir unterhielten uns damit, Lichterführung zu erkennen, zu erraten oder bei Bedarf nachzulesen (was natürlich höchst selten nötig war!).

Als endlich gegen 04:00 UST die Mündung des River Dart gesichtet wurde, (also die befeuerte Ansteuerungstonne) kehrten die Lebensgeister der Chimichanga-Crew zurück. Auf die Einfahrt nach Dartmouth hatten wir uns schließlich so lange gefreut. Dass diese nun bei Nacht und Nieselregen stattfinden sollte, machte Angelika und mich nicht so glücklich, aber auch diese Herausforderung nahmen wir natürlich gerne an. Zunächst galt es im Fahrwasser zu bleiben, was durch das erste Leitfeuer – sobald wir es gefunden hatten – ermöglicht wurde. Um uns herum war finstere Nacht, eine Untiefe oder einen Felsen im Wasser hätten wir erst sehr spät erkannt. Also blieben wir konsequent im weißen Sektor bis zu der Flussbiegung, als wir an backbord erkennen konnten, dass beim zweiten Leitfeuer der rote Sektor in den Weißen wechselte. Kursänderung und weiter ging es im weißen Sektor des Leitfeuers flussaufwärts. Jetzt dämmerte es und der Regen hörte schlagartig auf.

Nach einem etwas hektischen Anlegemaneuver an einem Fischersteg, alle Gästeplätze waren belegt, konnten wir ein paar Stunden Schlaf nachholen und dann in die Darthaven Marina verholen. Hier bekamen wir einen super Liegeplatz direkt am River und konnten nun am Tage das starke Panorama von Dartmouth auf uns wirken lassen. Wirklich eine super Atmosphäre mit den bunten Häusern, die sich um den Fluss an den Hängen drängeln. Eine Dampflok fährt frequent durchs Tal. Ein Großteil der Crew wählte später Dartmouth zum Highlight des Törns. Gemäß der Empfehlung von Tom Cunliffe im Shell Channel Pilot gingen wir zum Frühstück ins Café Alf Resco und er sollte Recht behalten. Das beste Frühstück das wir in England je bekommen hatten!

Wir genehmigten uns nach der Anstrengung außerdem mal wieder ein – wie in England  üblich – „kellerkühles“ (nach unseren Maßstäben lauwarmes) Ale und am Abend Fish&Chips vor der atemberaubenden Kulisse Dartmouths. Wir saßen an der Kaimauer, tranken ein Bierchen, beobachteten die Kinder beim Krabbenfischen und freuten uns wie weit wir gekommen waren – und welchen Spaß es machen kann in einem Gezeitenrevier mit eiskaltem Wasser Segeln zu gehen.

10. Tag: Dartmouth nach Salcombe – Leuchtturm im Nebel und das Passieren einer Barre   (Gezeitenrechnung ATT)

Nach dem Frühstück an Bord verliessen wir ausgeruht den River Dart und setzten Kurs auf Salcombe ab. Das Wetter ließ uns erneut ein wenig hängen und zusätzlich zum Nieselregen setzte uns nun der schlagartig aufkommende dichte Nebel zu. Dieser war nicht angesagt, sonst hätten wir uns verkniffen, ohne Sicht vor der englischen Küste zu kreuzen. Das AIS machte ausgerechnet jetzt zum ersten mal Zicken, so dass wir dieses nochmal abschalten und neu hochfahren mussten. Bange Minuten im dichten Nebel. Dann leistete es glücklicherweise wieder seine Dienste und wir segelten ohne Sicht mit Radar & AIS und hielten gehörig Ausschau. Plötzlich hörten wir von Steuerbord ein tiefes Horn alle 60 sek. einen langen Ton geben. Ein Blick in die Seekarte, alles klar: Der Leuchtturm von Start Point. Obwohl der Plotter mitlief, waren wir froh, eine „echte“ Landmarke zu haben.

So schnell der Nebel aufkam, verzog er sich auch wieder.  Wir waren verblüfft, wie dicht unter Land wir segelten, irgendwie hörte sich das Nebelhorn doch ferner an. Wir erhaschten einen super Blick auf den Leuchtturm von Start Point und weiter ging unsere Reise nach Salcombe.
Salcombe liegt im Gegensatz zu Dartmouth nicht in einem Flussdelta, sondern in einem natürlichen Fjord. In der Einfahrt befindet sich eine Barre, also eine Untiefe, die bei Niedrigwasser gerade mal einen guten Meter Wassertiefe übrig lässt. Jetzt heißt es also rechnen. Gut dass wir den „Reeds Nautical Almanach“ und ein ATT Formblatt dabei hatten.(Standard Port: Plymouth… und so weiter)

Nach unseren Berechnungen könnten wir uns bereits zwei Stunden nach Niedrigwasser am linken Fahrwasserrand über die Barre trauen, was auch prompt gestimmt hat. Man lernt halt Nichts umsonst…

In Salcombe lagen wir nach Anweisung des Hafenmeisters an einer Gästeboje und ließen uns vom Watertaxi übersetzen. Ein wirklich toller Küstenort, dessen Zufahrt von See an beiden Seiten von vielen schönen Stränden  gesäumt ist. Mein persönlicher Lieblingsspot auf diesem Törn. Unnötig zu erwähnen, dass wir am Abend prima ausgehen konnten.

11. Tag: Salcombe nach Plymouth – „You’re in the middle of a  military firing range !“ und das Ende unseres diesjährigen Törns

Der letzte Schlag  brachte uns ans diesjährige Ziel unserer Reise, nach Plymouth, wo wir schon mit dem Plymouth Yacht Haven die Modalitäten fürs Winterlager in der Halle vereinbart hatten. Bei bestem Segelwetter konnten wir nochmal unter Vollzeug die Nordsee geniessen. Unser Kurs führte durch ein militärisches Übungsgebiet, was uns über Funk auch mitgeteilt wurde. Wie wir das verstanden hatten, sollten die Schiessübungen um 14:00 2 sm südlich der Küste beginnen. Wir markierten das durchgesagte Areal in der Karte und wollten kurz vorher unseren Kurs ändern, um den Umweg nicht zu groß zu gestalten. Offensichtlich hatten die Militärs hier kein Einsehen, dies teilten sie uns mit indem ein Militär-Schnellboot unseren Weg kreuzte und uns ein Weilchen begleitete bis sie sich sicher waren unser Abstand wäre nun groß genug.

Dass die Royal Navy es heute ernst meinte, merkten wir später als (diesmal ohne unsere Beteiligung, 2 sm vor Plymouth) scharfe Schießübungen vollzogen wurden und eine Segelyacht partout nicht verstehen wollte – oder konnte- dass sie im Begriff war ins Kreuzfeuer zu segeln. Dieser Funkverkehr war enorm lustig mit anzuhören. (Channel 16). Glücklicherweise blieben alle unverletzt und schwimmfähig als wir gegen nachmittag den markanten Wellenbrecher von Plymouth passierten.

Hier hatten wir noch drei Tage um Plymouth zu erkunden, Chimichanga fürs Winterlager abzutakeln und abends beim Sundowner jede Menge Krabben zu fischen. Diese konnten jedoch nach einem kurzen „Crab Race“ wieder in die Freiheit zurückkehren.

Wir blicken zurück auf einen phantastischen Törn, der über drei Landesgrenzen hinaus die superschöne englische Südküste entlangführte.  Land und Leute haben uns absolut positiv beeindruckt und wir würden diesen Törn jederzeit wieder antreten. Auch seglerisch haben wir unseren Horizont wieder erweitern können und freuen uns über neue Erfahrungen mit Gezeiten, deren Wasserständen und Strömungen, Nachtschlägen und absolut ausreichendem Wind. Nun geht es ins Winterlager – und mal sehen wie es für die Chimichanga weiter geht. Vielleicht in wärmere Gefilde?

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